2026-04-17

Number 7.2

Nach drei Wochen in meinem Projekt ist es an der Zeit euch Bericht zu erstatten. Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner Stelle sehr zufrieden und komme mit den Menschen gut klar. Mein Alltag sucht noch ein wenig nach Routine ist aber auf einem guten Weg dorthin. Leider oder auch zum Glück arbeite ich an den Wochenenden und habe dafür zwei Tage unter der Woche frei. Dienstagabend ist dann meist um fünf Uhr Feierabend und ich kann meine Zeit bis Freitagmorgen frei verplanen. Meine ersten zwei freien Tage, Days Off wie sie hier genannt werden habe ich bereits mit Putzen, Einkaufen, Einleben und Schreiben von Posts verbracht. Die nächsten zwei freien Tage war ich Michael, den deutschen Freiwilligen eines anderen Hauses von Mount Tabor Trust in Helensville, einem kleinen Kaff nördlich von Auckland besuchen. Zusammen waren wir dann mit Fabio, dem Brasilianer ein Bierchen trinken und Pool spielen. Am nächsten Tag sind wir ein wenig durch Helensville und Umgebung geschlendert, auf Spektakuläres sind wir dort allerdings nicht gestoßen und so haben wir uns entschieden, dass Michael die nächsten Days Off nach Auckland kommen wird und bei mir übernachtet. Einmal im Monat gibt es dann, wie bereits erwähnt auch mal vier freie Tage an denen man dann schon ganz gut rumkommen kann. So sehen also meine arbeitsfreien Tage aus. Die Tage an denen Arbeit ansteht sehen ein wenig anders aus. Ich stehe zu halbwegs humanen Zeiten, das heißt gegen acht Uhr auf und mache mir dann Frühstück. Ein- bis zweimal die Woche muss ich allerdings den Bewohner Michael, nicht den Freiwilligen, sondern ein so genanntes Core-Member wecken. Diese Prozedur ist bisher das Unangenehmste, was ich zu tun hatte, denn wecken ist die eine Sache, Michael duschen und das nasse Bett säubern die andere. Wenn Michael dann seine morgendlichen Weet-Bix und die obligatorische cuppa tea hatte bringe ich ihn zu seiner Tagestätte wo ich ihn um drei Uhr dann wieder abhole. Danach steht für mich meist ein wenig Hausarbeit an. Wäsche Waschen, Wäsche Aufhängen, Staubsaugen, Putzen, Kochen und Spülen sind mittlerweile meine besten Freunde geworden. Ansonsten steht viel chauffieren der Core-Member auf dem Plan und Einkaufen gehen sowie Van waschen muss auch ab und zu mal sein. Das Radio im Van ist leider ein wenig kaputt, es wechselt bei jeder Bodenwelle den Sender und leider gibt es hier Bodenwellen und Hubbel en masse. Sollte ich aber auf einer ebenen Straße fahren kann man sich mit herrlichem Blues aus klapprigen Boxen vergnügen, das Overdrive einschalten und gemütlich dahin cruisen. Außer Michael gibt es noch vier andere Bewohner, die einem alle auf den Geist gehen können, aber auch ihre positiven Seiten haben. So hört Michael jeden Nachmittag stundenlang Radio, allerdings hat er keinen Spaß an der Musik, sondern am Verdrehen von Tuner und Lautstärke. Das resultierende musikalische Meisterwerk kann ja jeder zu Hause mal nachstellen. Dann gibt es noch Jane. Jane ist Vegetarierin und bekommt an der Fleischtheke im Supermarkt einen derartigen Wut- und Schreikrampf, dass man nicht anders kann als sich totzulachen. Sonst benimmt sie sich ein wenig exzentrisch und erinnert mich an Pikkeldi & Frederick, aber ich habe ja nichts gegen Vegetarier. Jeden Morgen begrüßt sich mich auf Deutsch und fragt wie es mir geht, morgens heißt bei ihr allerdings um ein Uhr mittags. Dann kommt sie meist für fünf Minuten in die Küche kocht sich zwei Liter Kaffee und verschwindet wieder in ihrer Plüschtier- und Gerümpelhöhle. Zu Leben erwacht sie erst mitten in der Nacht, wenn es darum geht Wäsche zu waschen, zu duschen oder sonst wie Lärm zu machen. Meist gehen ihre nächtlichen Putzanfälle zu Lasten der anderen Bewohner. Zum Glück stellt sie ihre Musikanlage, die zehn Stunden am Tag im ganzen Haus herrliche klassische Musik spielt um diese Uhrzeit etwas leiser, dass man nur Pauken und Kontrabass hören kann und für eine gewisse Zeit von anderen Instrumenten verschont bleibt. Jane ist außerdem ein Riesen-Fussballfan. Jeden Tag trägt sie ein total versautes Fussballtrikot, wahlweise das Deutsche, Brasilianische oder eines von ManU und macht im Wohnzimmer Aufwärmübungen um anschließend im Wohnzimmer mit voller Kraft rumzukicken. Janes bester Freund ist Stuart, meiner Meinung nach der liebste Hausbewohner. Stuart wohnt im Zimmer neben mir und arbeitet unter der Woche in einer Firma, die die Kopfhörer für Fluggesellschaften in Tüten packt. Abends bringt er immer Marshmallows mit, eine der wenigen Lebensmittel, die er mit seinen zwei Zähnen essen kann. In Stuarts Zimmer hängen zahllose Fotos, unter anderem mehrere, auf denen er von Papst Johannes Paul II geküsst und umarmt wird. Neben dem liebenswerten Stuart und dessen uraltem Kater Applepie gibt es noch Nellie und Lisa. Lisa ist Janes Tochter und meistens außer Haus unterwegs, ansonsten aber eine nette Zeitgenossin. Nellie ist eine junge Frau, die mit einem Bewohner eines anderen Hauses verlobt ist. Auch sie geht arbeiten und letzte Woche haben wir ihr Zimmer von oben bis unten auf Vordermann gebracht. Neben den Bewohnern wohnen auch noch weitere Angestellte in diesem Haus. Vince, mein Chef und Buddy ist Hausleiter und von Montag bis Freitag hier, am Wochenende wird er allerdings von Nick abgelöst. Unter der Woche ist auch noch Natasha hier, die sich hauptsächlich um Nellie und Jane kümmert. Mit Vince komm ich sehr gut klar und ohne ihn würde ich hier ziemlich am Rad drehen, denn Nick und Natasha nehmen es mit der Ordnung und Sauberkeit nicht ganz so ernst, was nicht heißt, dass ich mit ihnen nicht klar komme, aber manchmal sind sie mir dann doch ein bisschen zu träge und ein Großteil der Aufgaben bleibt dann an Vince hängen. Zwischen den Aufgaben rund um die Bewohner und den Haushalt bleibt allerdings genügend Zeit sich zu langweilen und daran zu denken, was man zu Hause in der freien Zeit Schönes machen könnte. Das zieht einen etwas runter, allerdings bin ich dabei mir hier anderweitig Beschäftigung zu suchen um nicht in diese Falle zu tappen. So lerne ich fleißig Vokabeln, um mein Englisch so gut es geht hier zu verbessern. Außerdem habe ich mich mittlerweile im YMCA Fitnessstudio um die Ecke angemeldet. Bis auf den Namen gefällt mir dort auch alles und ich kann hier meist abends von sieben bis neun Uhr meine Zeit verbringen und neben fiesen Maori-Schränken ein wenig pumpen. Hin und zurück jogge ich jeweils ungefähr eine Viertelstunde und höre die Tiesto-Podcasts. Mittlerweile kann ich sie auch in weniger als zwanzig Stunden runterladen, aber unter fünf Stunden wäre auch utopisch, also muss ich mich immer ein wenig gedulden. Das gleiche gilt auch für die restliche Nutzung des Internet, so brauche ich an die zwanzig Minuten um ein paar Mails nach zu gucken. All You Need Is Little Paaaaaaaaaatience! Außerdem werde ich mir demnächst noch ein paar Dinge von zu Hause schicken lassen, das wichtigste ist mein Skateboard, damit ich endlich den Skatepark um die Ecke skaten kann, denn leider musste das wegen der 23kg Grenze zu Hause bleiben. In meinem Zimmer fühle ich mich mittlerweile auch wohl, nachdem ich noch die restlichen Möbelstücke bekommen habe. Die nächsten drei Wochen können kommen, zumal ich mich auf eine geplante Reise mit Number 7 nach Wellington Ende September freue, Johannes aus New Plymouth mich im Oktober für zehn Tage besuchen wird und ich hier für uns beide AC/DC Konzerttickets am 4. Februar 2010 im Western Springs Speedway/Auckland habe. Die Photos aktualisiere ich meist parallel zu den Posts, so gibt es jetzt endlich Photos von meiner Bleibe hier in Auckland und wenn ich von meinen freien Tagen in Auckland berichte, werde ich bestimmt auch einige Photos hochladen. So langsam wird es hier auch etwas wärmer und man kann sich im T-Shirt auf die Straßen wagen, was die Lebensqualität erheblich steigert, allerdings sollte man sich vor plötzlichen Schauern sehr in Acht nehmen, wie ich letztens beim Wäschetrocknen merkte. So ist nun mal das Wetter in Auckland, vier Jahreszeiten pro Tag sind keine Seltenheit. Danke außerdem für die netten Mails und Fotos, die ich aus Bonn, von zu Hause und von sonst wo bekommen habe. Ich vermisse euch.